Dienstag, 26. Juli 2011

Notre Dame du Haut Ronchamp - Le Corbusier



Die Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp (französisch Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp, deutsch Unsere Liebe Frau von der Höhe) ist eine der Jungfrau Maria geweihte katholische Wallfahrtskirche in der französischen Gemeinde Ronchamp bei Belfort. Der 1950 bis 1955 nach Plänen des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier errichtete Kirchenbau zählt zu den berühmtesten seiner Art in der Moderne. Er gilt aufgrund seiner zahlreichen visuellen Metaphern, des Reichtums seiner Raumgliederung sowie seines Vorbildcharakters als Ikone der Architektur.

Die Stadt Ronchamp liegt auf 353 Metern über Meer am Fuß der Vogesen im Osten des Départements Haute-Saône in der Franche-Comté. Die Kapelle Notre Dame du Haut, zu der eine steile Straße hinaufführt, befindet sich auf dem 472 Meter über Meer gelegenen Hügel Bourlémont. Die Anhöhe besteht aus einer größtenteils von einem Gras- und Pflanzenteppich bewachsenen Lichtung, die sich in alle vier Himmelsrichtungen öffnet.

Die Kapelle ist weithin sichtbar und ihr Standort ermöglicht einen weiten Panoramablick auf die umliegende Landschaft. Im Süden erstreckt sich die lange Linie der Juragipfel, nach Norden hin ist mit dem Mont de Vanne ein erstes Vorgebirge der Vogesen zu erkennen. Im Westen liegt die Talebene der Saône, im Osten die drei Belchengipfel der Planche-des-Belles-Filles sowie die Burgundische Pforte.

Die Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp hat einen etwa 30 auf 40 Meter großen, asymmetrischen Grundriss. Der französisch-schweizerische Architekt und Maler Le Corbusier konstruierte eine kombinierte Außen- und Innenkirche. Im Innenraum bietet die Wallfahrtskapelle 200 Menschen Platz. An der Ostseite befindet sich ein Freiluftaltar für Gottesdienste mit bis zu 1200 Personen.

Die Grundmauern bestehen aus einer weißen Sichtbetonmauer mit rauer Oberfläche. Die Wandstärke variiert zwischen 90 Zentimetern und 2,72 Metern. Die Mauer verläuft von Süden nach Norden in konkaver bzw. konvexer Formgebung und rollt sich im Norden zwischen zwei kleineren, 20 Meter hohen Türmen scheinbar in das Innere des Sakralbaus ein. In der Nische zwischen den beiden Kapellentürmen befindet sich der sogenannte Werktagseingang. Die Sakristei ist über eine außen angebrachte kleine Freitreppe zu erreichen.

Auf der konkaven Ostwand befindet sich ein Freiluftaltar mit einem eigenen Chorraum, einer Sängerempore und einer Kanzel. Ein schlichter Betontisch dient als Altar. Die Mauer bildet zwischen dem Freiluftaltar und der Südseite einen spitzen Winkel. An dieser Stelle befindet sich eine dominierende Wand, auf der sich das muschelförmige Dach bis auf etwa neun Meter erhebt. Damit verfügt die Kapelle über zwei grundsätzlich unterschiedliche Fassaden.

Die Südseite wird von 27 Fenstern von unterschiedlicher Größe und Form durchbrochen, die schachtartig in die Mauer eingelassen sind. Die teilweise farbigen Fenster haben einfache Grundfarben und meist nur wenige Formen oder Ornamente. Auf manche Fenstergläser schrieb Corbusier mit sorgfältiger Schreibschrift einige Sätze aus den Mariengebeten der Pilger, insbesondere aus dem Ave Maria und den Litaneien zu Ehren der Jungfrau Maria.

Untypischerweise auf dieser Seite und nicht im Westen befindet sich eine monumentale, in ihrer Oberfläche beidseitig, künstlerisch emaillierte Haupttür, die jedoch nur an Pilgertagen geöffnet wird. Die Gestaltung des Emails der 3x3 Meter quadratischen, gusseisernen Tür beruht auf einer die Fläche ordnenden und klar ausgeprägten geraden Linienführung. Daran ausgerichtet sind bunte Bäume, Wolken, Sterne, Wege und Hände. Diese Motive verwendete Corbusier oft in seiner Malpraxis. Er rechtfertigte die Verwendung von Email damit, dass es die „Schönheit des Sichtbetons zum Vibrieren“ bringe. Die Türe ist 33 Zentimeter dick und 2,3 Tonnen schwer. Die acht emaillierten Tafeln haben jeweils eine Fläche von 1,13×0,70 Metern. Corbusier führte die Emaillierung selbst aus. Als Vorlage dienten Zeichnungen von André Maisonier, die im Mai 1955 gefertigt wurden.

Links des Hauptportals erhebt sich der etwa 27 Meter hohe, zur Südseite abgerundete Hauptturm, der einer weiteren Kapelle als Sonnenfalle dient. Das durch deren obere Öffnung einfallende Licht wird innen an der weißen konkaven Wandfläche des Turmes sanft reflektiert und fällt gedämpft über den Altarbereich der Kapelle ein. Dieses Prinzip findet auch für die anderen beiden Kapellen Anwendung. Auf der oberen Turmwölbung steht neben einem Blitzableiter ein schlichtes dünnes Metallkreuz. Die Westfront ist fensterlos und rollt sich an ihren beiden Enden um die Nebenkapellen im Nordwesten und Südosten ein. Auf der Westseite befindet sich an der Dachkante ein schlichter, den Nüstern eines Pferdes abstrakt nachgebildeter Wasserspeier, der die plastische Formsprache des Gesamtgebäudes auch im Detail fortsetzt; das Wasser aus der Dachfläche wird somit nicht über ein simples Regenfallrohr in den Boden abgeleitet, sondern über den Speier in eine Brunnenskulptur gelenkt.


Etwas weiter südlich liegt das ebenfalls von Le Corbusier entworfene Gebäude für die Pilger und den Kaplan. Corbusier wandte für die Proportionen der Innenräume das von ihm selbst entwickelte Proportions-System Modulor an; dieses System verwendet Maße und Maßverhältnisse, die sich an der Größe des Menschen orientieren. Auch die Innenausstattung geht auf die Gestaltung Corbusiers zurück, der die Wände mit Fotografien von mittelalterlichen Fresken schmückte, deren großer Bewunderer er war.

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